Editorisch neu gefasste und historisch eingeordnete Memoiren aus rund achtzig Jahre alten Aufzeichnungen

Gathmann HermanosDie Uhrmacher von Caracas

Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 ziehen drei Lüneburger Brüder nach Caracas und gründen ein Uhrmacher- und Juweliergeschäft. Vom kolonialen Caracas des 19. Jahrhunderts bis zur modernen Metropole des frühen 20. Jahrhunderts erzählt ihre Familiengeschichte über vier Generationen von Auswanderung und Uhrmacherhandwerk, von Handel und deutscher Gemeinde, von politischen Umbrüchen, Macht und Ressourcen.

Worum es geht

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts suchen mehrere Gathmann-Brüder aus Norddeutschland eine neue Existenz in Venezuela. 1853 gründen der Uhrmacher Ludolf und der Kaufmann Theodor Gathmann in Caracas das Uhrmacher- und Juweliergeschäft Gathmann Hermanos. Später stößt auch ihr Bruder Wilhelm hinzu.

Johann Gathmann, Theodors Sohn, wird 1864 in Caracas geboren. Er wächst am Hauptplatz vor der Kathedrale auf, wo Geschäft und Wohnung liegen. 1870 kehrt Johann mit seinen Eltern wegen politischer Unruhen und wirtschaftlicher Not nach Deutschland zurück. Nach dem frühen Tod von Johanns Onkel Ludolf hält Wilhelm das Geschäft in Caracas weiter offen. 1885 schickt Johanns Vater Theodor ihn zurück in den kriselnden Betrieb. Bis zu Johanns Tod 1945 bleibt Caracas sein Lebensmittelpunkt.

Johanns spätere Rückschau zeichnet über fast ein Jahrhundert hinweg den Alltag nach: von Uhren, Goldwaren und Importhandel über Atlantiküberfahrten und die deutsche Gemeinde bis zu familiären Verlusten, wechselnden Regimes, Diktaturen und globalen Konflikten. Zugleich erzählt das Buch von Menschen zwischen Deutschland und Venezuela, zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit. So verbindet sich die Geschichte der Gathmanns mit der Geschichte von Caracas.

Das Buch ist kein Roman und keine wissenschaftliche Studie, sondern eine quellennah erzählte Geschichte einer deutschen Familie in Caracas. Es bleibt nah an Johann Gathmanns Erinnerungen und macht sie durch die editorische Bearbeitung auch ohne Vorwissen zugänglich.

Johann Gathmann und die Edition

Die Aufzeichnungen

Johann Wilhelm Nikolaus Gathmann (1864–1945) wurde in Caracas geboren. Als Uhrmacher führte er in zweiter Generation den Familienbetrieb Gathmann Hermanos, ein Geschäft für Schmuck und Uhren, das später unter dem Namen Joyerías Unidas firmierte. Anfang der 1940er Jahre hielt er in Caracas, knapp 80-jährig, Erinnerungen an sein Leben und seine Familie für seine Nachkommen fest. Sie bilden das überlieferte Ausgangsmaterial dieser Ausgabe.

Die Bearbeitung

Rund achtzig Jahre nach ihrer Niederschrift wurden sie neu geordnet, sprachlich vollständig überarbeitet, gekürzt und verdichtet. Etwa drei Viertel des Hauptteils beruhen auf dem überlieferten Material; fragmentarische Passagen wurden verbunden und historische Zusammenhänge dort ergänzt, wo allgemein zugängliche Quellen eine tragfähige Einordnung erlaubten. Persönliche Erlebnisse wurden nicht hinzuerfunden. Der Text folgt Johann Gathmanns Aufzeichnungen daher inhaltlich, nicht im Wortlaut.

Die Einordnung

Ziel der Edition ist es, Johanns Stimme und Perspektive zu bewahren und die Erinnerungen neu zu fassen, ohne ihren tastenden, brüchigen Charakter zu glätten. Die Aufzeichnungen erscheinen als subjektive Erinnerung eines bürgerlichen Kaufmanns und Uhrmachers zwischen Herkunft, Anpassung und Zugehörigkeit. Leerstellen, zeittypische Wertungen und problematische Zuschreibungen werden benannt und kritisch eingeordnet.

Die Erschließung

Durch Rahmentexte, historisches Bildmaterial, Stadtplan, Originalauszug, Personenregister und Quellenhinweise eignet sich die Edition auch für Bibliotheken, Archive, Forschung und Lehre.

Johann Gathmann, Schwarz-Weiß-Porträt
Johann Gathmann, um 1925.

Themen und Perspektiven

  • Aufbruch aus Ernüchterung

    Nach den gescheiterten Revolutionen von 1848 suchen die Gathmann-Brüder nacheinander eine Zukunft außerhalb Norddeutschlands. Politische Ernüchterung, begrenzte Aufstiegschancen und der väterliche Rat »Ich würde nach Amerika gehen« machen Venezuela zur Option. Was mit der Auswanderung eines Bruders beginnt, führt schließlich zur Gründung von Gathmann Hermanos.

  • Die unruhige Kolonialstadt

    Johann wächst als Gathmann der zweiten Generation im Caracas der 1860er Jahre auf, einer kleinen, staubigen und politisch unruhigen Stadt, die bereits zahlreiche europäische Einwanderer anzieht. Man orientiert sich an benannten Straßenecken statt an Adressen, zum Hafen von La Guaira führen Maultierkarawanen. Trinkwasser kauft man bei Händlern mit Eseln, den Río Guaire quert man über einen kleinen Holzsteg. Die Stadt steht noch vor dem großen Modernisierungsschub.

  • Casa Gathmann / Joyerías Unidas, Caracas, um 1950
    Casa Gathmann / Joyerías Unidas, Caracas, um 1950.

    Werkstatt, Laden und Importgeschäft

    Vom Schlafplatz auf der Bretterpritsche wächst das Haus zum führenden Juwelier. Schließlich weichen koloniale Bauten einem modernen Geschäftshaus.

  • Zwischen HAPAG und Maultierpfad

    Über Generationen verbinden wochenlange Atlantikreisen Venezuela und Europa. 1870 erfuhr die Familie erst im Ärmelkanal vom Kriegsausbruch; Blockaden ließen Reisende monatelang auf Inseln festsitzen und unterbrachen ganze Routen. Im Landesinneren führten Maultierpfade durchs Gebirge, später überwand die Eisenbahn 900 Höhenmeter von La Guaira nach Caracas.

  • Caracas im Wandel

    Das Buch zeigt Caracas im ersten großen Modernisierungsschub. Aus dem Marktplatz Plaza Mayor wird die neu gestaltete Plaza Bolívar; Staatsbauten, Parks und neue Verkehrswege verändern Stadtbild, Handel und Alltag. Der Palacio Federal Legislativo, errichtet an der Stelle eines abgerissenen Nonnenklosters, steht exemplarisch für diese Neuordnung.

  • Uhren, Schmuck und Brillen

    Die Erinnerungen zeigen den Familienbetrieb im täglichen Vollzug: Reparaturen, Kundschaft, Warenrisiken und fachliche Spezialisierung. Mit dem Gabinete Óptico entstand nicht nur eine optische Werkstatt, sondern auch eine der ersten Ausbildungsstätten venezolanischer Optometristen.

  • Deutsche Gemeinde, Schule und Klub

    Die deutsche Gemeinde baut eigene Institutionen auf, weil ihr soziale und religiöse Strukturen nur begrenzt offenstehen. Der 1842 gegründete Hilfsverein zeigt frühe transnationale Selbsthilfe. Deutsche Schule und Deutscher Klub werden später zu zentralen Orten für Bildung, Zugehörigkeit und Johanns Lebenswerk.

  • Familie, Verluste und Generationenwechsel

    Ausbildung der Kinder in Deutschland, Ehe, Todesfälle, Krankheiten, Erbschaftsfragen, Rückkehrentscheidungen und Übergabe des Geschäfts führen die Familiengeschichte in eine neue Generation. Erdbeben, Epidemien und improvisierte medizinische Versorgung machen die Verletzlichkeit des Lebens sichtbar.

  • Politische Umbrüche und Krisen

    Revolutionen, Seeblockade und die Herrschaftsphasen von Guzmán Blanco, Crespo, Castro und Gómez greifen unmittelbar in Alltag, Gemeinde und Geschäft ein. Die Erinnerungen zeigen politische Macht im konkreten Vollzug: von internationalem Druck bis zu den üblichen „Kommissionen“ bei Staatsaufträgen.

  • Erster Weltkrieg und deutsche Propaganda

    Johann Gathmann initiierte die Wochenzeitung »El Eco Alemán« gegen die alliierte Nachrichtenblockade. Schwarze Listen und eine Tarnfirma zeigen, wie eng Medienarbeit, Handel und wirtschaftliche Selbstbehauptung im Ersten Weltkrieg verbunden waren.

  • Wirtschaft und politische Macht

    Geschäftliche Tätigkeit bleibt abhängig von persönlichen Beziehungen, staatlichen Aufträgen und politischer Nähe. Besonders greifbar wird das an einer Silbertruhe von Gathmann Hermanos, in der bis heute die venezolanische Unabhängigkeitsakte aufbewahrt wird.

Leseprobe

Die Leseprobe enthält den Prolog, die editorische Vorbemerkung und ausgewählte Buchkapitel. Sie führt vom Caracas der Revolutionsjahre 1868 und 1870 über Johanns Kindheit am Hauptplatz bis zu Uhrmacherhandwerk und Stadtwandel. Zugleich zeigt sie offen, wie die Aufzeichnungen bearbeitet, ergänzt und historisch eingeordnet wurden.

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Gathmann Hermanos. Die Uhrmacher von Caracas ist als Taschenbuch und Kindle-E-Book über Amazon erhältlich. Es wird dort auf Bestellung gedruckt und ist daher nicht im allgemeinen Buchhandel erhältlich.

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Cover des Buches: Gathmann Hermanos. Die Uhrmacher von Caracas